Digitalisierung in Deutschland: Wie digital sind wir 2022?

Digitalisierung in Deutschland | TechMinds„Das Internet ist für uns alle Neuland“ – mit diesem Satz amüsierte die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel 2013 im Gespräch mit Barack Obama vor allem die jüngere Generation. Leider spiegelt diese Aussage aber das Verhältnis Deutschlands zur Digitalisierung auch heute noch – rund zehn Jahre später – realistisch wider. Die Bundesrepublik hinkt in Sachen Digitalisierung seit Jahren hinterher – nicht nur im innereuropäischen, sondern auch weltweiten Vergleich.

Was lange Zeit unter der Oberfläche schwelte, hat die Corona-Pandemie Anfang des Jahres 2020 offengelegt: Schwachstellen und Defizite der Digitalisierung in Deutschland – egal ob in Unternehmen, der Verwaltung oder in Bildungseinrichtungen. Guido Zimmermann von LBBW Research sieht die Digitalisierung in Deutschland als „Herkulesaufgabe des 21. Jahrhunderts“: „Das 21. Jahrhundert hat erst 2020 mit der Corona-Krise wirklich begonnen. Je digitaler die einzelnen Staaten aufgestellt waren, desto besser konnten sie tendenziell die Krise bewältigen. Bei uns hat die Krise gnadenlos die Defizite aufgezeigt“.

Das illustriert der IMD Digital Competitiveness Index 2021: War Deutschland 2016 noch auf dem 15. Platz, ist die Bundesrepublik im Corona-Jahr 2021 international auf den 18. Platz abgerutscht. Mehr als deutlich wird dadurch, dass die Deutschen die Geschwindigkeit – und Notwendigkeit – der digitalen Transformation in allen Branchen und Lebensbereichen unterschätzen. Digitalisierung meint weitaus mehr als nur den Anschluss ans Internet: Sie beginnt im Kleinen am Arbeitsplatz eines jeden Arbeitnehmers und mündet in globalen digitalen Industriestandards sowie einer digitalen Souveränität des Staates.

Corona und Digitalisierung, Digital Competitiveness Index | TechMinds

Doch wie ist der Stand der Digitalisierung in Deutschland tatsächlich? Steht es um ein digitales Deutschland wirklich so schlecht? Welchen Digitalisierungsgrad haben wir in Deutschland bereits erreicht? Und an welchen Stellen hakt es und wo liegt noch braches Potenzial? Wir stellen Ihnen in diesem Artikel Studien, Ursachen und Folgen der digitalen Rückständigkeit, aber auch politische Handlungsfelder und die Hoffnungsschimmer am Horizont der Digitalisierung in Deutschland vor.

Definition Digitalisierung

Digitalisierung ist ein sehr vielschichtiger Begriff und hat laut Gabler Wirtschaftslexikon mehrere Bedeutungen. Einerseits bezeichnet die Digitalisierung die „digitale Umwandlung und Darstellung […] von Information und Kommunikation oder die digitale Modifikation von Instrumenten, Geräten und Fahrzeugen“. Andererseits steht der Begriff der Digitalisierung auch für „die digitale Revolution, die auch als dritte Revolution bekannt ist, bzw. die digitale Wende“. Meinte Digitalisierung früher lediglich den Vorgang, bei dem physikalische Daten in ein digitales Format umgewandelt wurden, steht Digitalisierung im 21. Jahrhundert für viel mehr – für die Modernisierung und Verbesserung von Prozessen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Digitalisierung hat sich somit von einer rein technischen Entwicklung zu einem positiv konnotierten, zukunftsorientierten Sammelbegriff für die verschiedenen Bereiche des Lebens- und Arbeitsalltags entwickelt. Digitalisierung ist folglich ein transformativer Prozess, der tief in die gesellschaftlich etablierten Strukturen eingreift und zwischenmenschliche Interaktion sowie Arbeit stark verändert.

Der individuelle Grad der Digitalisierung – beispielsweise einzelner Betriebe – ist jedoch nur schwer festzustellen, da er der subjektiven Wahrnehmung einzelner Unternehmer obliegt: Während manche bereits ein papierloses Office als erfolgreiche digitale Transformation sehen, empfinden andere erst einen vollautomatisierten, KI-basierten Arbeitsprozess als Non-plus-Ultra der Digitalisierung.

Digitalisierung in Deutschland: Ist die Covid19-Pandemie ein Beschleuniger? Eine Bestandsaufnahme

Retrospektiv sehen viele Digitalisierungsforscher die Corona-Pandemie als Treiber einer zunehmenden Digitalisierung in Deutschland. Bis zum Frühjahr 2020 fielen Umfrageergebnisse allerdings eher mau aus: Deutsche Mittelständler, die ihren Digitalisierungsgrad damals bewerten sollten, geben sich selbst nur Noten zwischen ‚befriedigend‘ und ‚ausreichend‘ – und machen somit deutlich, wie viel hinsichtlich der digitalen Transformation deutschlandweit zu tun ist.

Dennoch gab es bereits 2019/2020 positive Tendenzen, die zeigen, dass die Bundesrepublik hinsichtlich des Transformationsprozesses nicht ganz abgeschlagen ist. Der D21 Digital Index stellte fest, dass der Grad der Digitalisierung in Deutschland ständig steigt – 2019/20 waren bereits 86 Prozent der Deutschen online, hauptsächlich über das Smartphone. Zudem ist die Einstellung der deutschen Bürger gegenüber der zunehmenden Digitalisierung durchaus positiv. 80 Prozent geben in einer Forsa Umfrage 2019 an, aufgeschlossen für weitere transformierende Schritte zu sein und die Digitalisierung als Chance zu sehen.

Vor allem der Mittelstand erhält durch die Pandemie einen Transformationsschub, wie eine Umfrage der DZ Bank Ende 2020 festhält: Hier steigen die Investitionen in die Digitalisierung, neue Technologien sowie KI um 37 Prozent. Als Headhunter für Digitalisierung können wir diesen Trend der steigenden Nachfrage und Investitionsbereitschaft bestätigen. Jeder fünfte Mittelständler überlegt sogar, die Produktion und das Geschäftsmodell diesbezüglich neu auszurichten. Kein Wunder, bieten doch digitalisierte Prozesse wie Videokonferenzen, Remote Work und Co. neue Möglichkeiten – auch für Unternehmen. Das bestätigt die Bitkom-Studie, die zeigt, dass 86 Prozent der befragten Betriebe der Digitalisierung in Deutschland durch die Corona-Pandemie eine größere Bedeutung zuschreiben. Auch der Einzel- und Großhandel spiegelt diese Entwicklungen. Durch den Lockdown und wochenlange Geschäftsschließungen mussten auch hier neue Vertriebswege gefunden werden. So verzeichnet der E-Commerce-Sektor 2020 einen Anstieg von 67 Prozent.

Deutschland, der digitale Nachzügler?

Trotz allem scheint der Stand der Digitalisierung in Deutschland auch mit und durch Corona nur mittelmäßig zu sein. Eine Studie von Bitkom, die die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft von 2018 bis 2020 vergleicht, zeigt, dass 2020 51 Prozent der befragten Unternehmen Deutschland im Mittelfeld verorten – 21 Prozent sehen die Bundesrepublik hingegen als digitalen Nachzügler, vier Prozent sogar als ‚abgeschlagen‘. Dementgegen ordnet mehr als ein Fünftel aller Befragten die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft in die digitale Spitzengruppe ein – weltweit führend nimmt Deutschland allerdings niemand wahr (2018 waren es im Vergleich dazu immerhin 3 Prozent).

Bestätigt wird die geschätzte Tendenz des digitalen Mittelmaßes deutscher Unternehmen im DESI-Index der EU-Kommission, der 2019 den Digitalisierungsgrad aller EU-Länder ermittelte. Summiert wurden hierfür die Ergebnisse der verschiedenen Bereiche Konnektivität, Humankapital, Internetnutzung, Digitale Technologien sowie öffentliche Hand. Während die skandinavischen Staaten, Großbritannien sowie die Niederlande mit einem Grad der Digitalisierung zwischen 60 und 70 Prozent punkten und somit europaweit führend sind, liegt Deutschland mit 50 bis 55 Prozent lediglich im Mittelfeld – gleichauf mit Frankreich, Österreich und Tschechien.

Digitalisierung Deutsche Wirtschaft | TechMinds

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie kommt es zu starken Einschnitten im Arbeits- und Lebensalltag der Bundesbürger: Lockdown, Ausgangsbeschränkungen, Homeoffice und Co. verlagern das Leben in die eigenen vier Wände – zum größten Teil von heute auf morgen. Während eine DMEXCO-Umfrage zu Beginn der Covid19-Pandemie konstatiert, 70 Prozent aller Befragten aus dem DACH-Gebiet seien davon überzeugt, dass die Pandemie das Tempo der digitalen Transformation beschleunigen werde, fällt das Fazit des Manager Magazins im Herbst 2021 weniger positiv aus. Das Journal vermerkt, dass Deutschland durch Corona noch weiter zurückgefallen sei und auch international noch zu den digitalisierten Schlusslichtern gehöre.

Digitalisierungsschub durch Corona ist ein zweischneidiges Schwert

Der vermeintliche Digitalisierungsschub in Zeiten der Pandemie ist somit ein zweischneidiges Schwert: Einerseits wird die Digitalisierung über Nacht selbst für kleinste Unternehmen überlebenswichtig, auf der anderen Seite offenbart gerade die Krise die Schwachstellen der bisherigen digitalen Transformation. Durch die Corona-Pandemie wird die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft zur Kippfigur, zum Pendel, das jederzeit zur einen oder anderen Seite ausschlagen kann – mit fatalen Folgen, beispielsweise einer zunehmenden digitalen Spaltung.

Das Jahr 2020 zeichnet somit eine Dichotomie von Digitalisierungsschub einerseits und Offenlegung der Schwächen der digitalen Transformation andererseits. Doch wie hat sich der Digitalisierungsgrad in Deutschland seitdem entwickelt? Welchen Status hat der aktuelle Stand der Digitalisierung in Deutschland?

Digitalisierung in Deutschland: Status Quo im internationalen Vergleich

Obwohl die digitale Transformation zum Teil durch die Auswirkungen der Covid19-Pandemie katalysiert wurde, offenbart der Digitalreport 2022 des European Center for Digital Competitiveness nichts Gutes: Auch 2022 sehen 94 Prozent der Führenden aus Wirtschaft und Politik Deutschland unverändert im Rückstand. 43 Prozent bewerten die Bemühungen der Bundesrepublik skeptisch und gehen nicht davon aus, dass diese Rückständigkeit in absehbarer Zeit aufgeholt werden kann.

Digitalisierung: Deutschland vs. Europa

Im europaweiten Vergleich des Digital Riser Reports aus dem Herbst 2021 wird – auf Basis von Daten des World Economic Forum, der Weltbank sowie der Internationalen Telecommunication Union – der Fortschritt einzelner Länder(gruppen) im Vergleich zu anderen untersucht. Dabei stehen zwei Faktoren im analytischen Fokus: Einerseits, wie viel Fortschritt die Länder im Vergleich zu anderen in den letzten drei Jahren machten, andererseit die besten Practices der besten digitalen Aufsteiger in neun Ländergruppen. Die digitale Wettbewerbsfähigkeit wird in zwei Dimensionen – dem lokalen Ökosystem sowie dem Mindset einer Nation – gemessen. In diesen beiden Dimensionen werden in jeweils fünf Kategorien Punkte vergeben.

Für Europa hält der Report eine Transformation in zwei Geschwindigkeiten fest. Frankreich konnte beispielsweise innerhalb eines Jahres große Fortschritte in der digitalen Wettbewerbsfähigkeit machen und 28 Punkte zulegen. Währenddessen macht Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung wesentliche Verluste und verliert 176 Punkte.

Im europäisch-US-amerikanischen Vergleich sieht es für die Bundesrepublik düster aus: Während Länder wie Litauen oder Polen zwei der digitalen Aufsteiger sind, fällt Deutschland weit zurück auf den zweitletzten Platz vor Albanien. Begründet wird diese niedrige Punktzahl der digitalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands vor allem durch die mangelhaft ausgeprägte Ökosystem-Dimension.

Digitalisierung: Deutschland vs. G7/G20

Auch im Vergleich mit den anderen G7 Staaten Italien, Frankreich, USA, Großbritannien, Japan und Kanada steht die Bundesrepublik in Sachen Digitalisierung eher weniger gut da: Kanada ist der absolute digitale Aufsteiger, während Deutschland und Japan weit abfallen. Überraschenderweise ist die relative Wettbewerbsposition der europäischen Wirtschaftsmacht der Bundesrepublik stark gesunken. Die direkten Nachbarländer Frankreich und Italien – wirtschaftlich und finanziell eigentlich deutlich schwächer und wirtschaftspolitisch oftmals von der Bundesregierung belächelt – konnten dagegen hinsichtlich des Standes der Digitalisierung deutlich an Punkten hinzugewinnen. Das Beispiel Italien zeigt, dass kluge Initiativen innerhalb kürzester Zeit ihre Wirkung entfalten: In nur drei Jahren verbesserte der europäische Staat seinen Digitalisierungs-Status vom letzten auf den zweiten Platz.

Im Kreise der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern (G20) fällt die Bundesrepublik auf den drittletzten Platz der digitalen Wettbewerbsfähigkeit: Deutschland reiht sich vor Indien und Japan ein. Einen deutlichen Fortschritt in Sachen Digitalisierung zeigen dagegen China, Saudi-Arabien und Brasilien.

Digital Riser Report G20 | TechMinds

Auch wenn der internationale Vergleich eher mau ausfällt, hat die Bundesrepublik im Vergleich zu den Vorjahren durch die Pandemie hinsichtlich der Digitalisierung doch deutlich gewonnen. Viele Hilfsmittel, die sich im Pandemie-Alltag etablierten, sollen auch ‚danach‘ noch beibehalten oder sogar ausgeweitet werden. Laut Bitkom denken zwar 88 Prozent der Befragten, dass die Bundesrepublik den digitalen Anschluss an die USA und China verloren hat und in ihrer – nach Bitkom-Präsident Achim Berg – „digitalen Bräsigkeit“ nachhängt, dennoch tut sich etwas: 92 Prozent der Unternehmen geben an, dass sich das Standing der Digitalisierung im Unternehmen verbessert hat – 2020 waren es lediglich 84 Prozent. Neun von zehn Unternehmen haben mittlerweile Videokonferenzen anstelle von persönlichen Treffen entweder neu eingeführt oder ausgeweitet, 63 Prozent haben zusätzliche Hardware angeschafft. Auch verwaltungstechnische Abläufe sind 2022 deutlich digitaler gestaltet, beispielsweise verwenden zwei Drittel der befragten Unternehmen digitale Dokumente statt Papier und bereits 60 Prozent setzen auf digitale Signaturen.

Während die Tendenz für zukünftige Digitalisierungsschübe also momentan erst einmal rosig aussieht, sorgt sich Achim Berg allerdings um zukünftige Investitionsfreude der Deutschen: 37 Prozent der Befragten planen laut Umfrage, die Ausgaben für die Digitalisierung im Jahr 2022 zurückzufahren. Bergs Fazit ist deutlich: „Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif“ – Unternehmen müssen in die digitale Transformation investieren, um an Wettbewerbsstärke und vor allem Krisenresilienz zu gewinnen.

Maßnahmen Digitalisierung | TechMinds

Digitalisierung Deutschland: Ursachen und Folgen der digitalen Rückständigkeit

Trotz vieler Fortschritte zeichnen sich doch einige Schwachstellen in der digitalen Transformation der Bundesrepublik ab. Die Gründe und Ursachen hierfür sind vielfältig:

Mangelhaftes digitales Ökosystem

Schlecht schneidet allem voran das deutsche digitale Ökosystem ab, das zahlreiche Defizite verzeichnet: Die schlechte Verfügbarkeit von Risikokapital ist in Deutschland im internationalen Vergleich deutlich stärker ausgeprägt – es wird kaum in junge Start-ups investiert. Dazu kommt, dass die deutsche Bevölkerung grundsätzlich eher negativ gegenüber unternehmerischen Risiken eingestellt ist. Diese Tatsache spiegelt sich zudem in den schlechten digitalen Fähigkeiten der Deutschen. Zudem werden viel zu selten die Kompetenzen der verfügbaren IKT-Fachkräfte genutzt – hier liegt Deutschland ganz klar unter dem europäischen Durchschnitt.

Fachkräftemangel & Defizite in digitaler Bildung

Auch der immer weiter zunehmende IT-Fachkräftemangel ist ein Grund für die Rückständigkeit der Digitalisierung der Bundesrepublik. Der steigende Expertenmangel, 2021 waren es 88.000 fehlende IT-Fachkräfte, wird auch 2022 immer problematischer – erwartet werden sechsstellige Zahlen. Dies bestätigt klar und deutlich: Der Fachkräftemangel wird nicht ansatzweise ausreichend bekämpft. Um die Digitalisierung in Angriff nehmen zu können, müssen nicht nur IT-Professionals aus dem Ausland rekrutiert werden, sondern auch einheimische Talente gefördert werden. Deshalb sollte schon an den deutschen Schulen, Berufsschulen und Hochschulen eine bessere digitale Infrastruktur sowie Pädagogik etabliert werden. Digitalisierung basiert allem voran auf den MINT-Fächern, die oftmals zu wenig gefördert werden. Auch hier findet sich ein Ansatzpunkt, um das deutsche IT-Fachkräfteproblem in den Griff zu bekommen.

Fehlende Anwendung digitaler Schlüsseltechnologien

Ein großes Fragezeichen sehen Forscher außerdem im öffentlichen Sektor: Fehlende Entscheidungskompetenz in föderalen Strukturen, eine mangelnde Innovationsorientiertheit sowie mangelhafte digitale Kompetenzen in der öffentlichen Verwaltung sind ursächlich für eine Digitalisierung Deutschland im Schneckentempo. Eine bessere Anwendung digitaler Schlüsseltechnologien sowie neuer digitaler Produkte und Dienstleistungen würden deshalb einen ersten produktiven Schritt in die richtige Richtung darstellen. Problematisch dabei: In der Bundesrepublik werden digitale Innovationen auch 2022 noch zu selten in marktfähige Geschäftsmodelle umgesetzt. Das spiegelt sich in der Gründungsrate im IT-Bereich – hier sind die Zahlen deutschlandweit rückläufig.

Öffentliche Verwaltung als digitale Fehlzünder

Nachholbedarf besteht hinsichtlich der Digitalisierung in Deutschland allem voran in der Etablierung digitaler Dienstleistungen in der öffentlichen Verwaltung – hier ist die Bundesrepublik im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich einzuordnen. Der Digitalreport 2022 illustriert den desaströsen Digitalisierungsgrad der Ämter und Behörden deutlich: 98 Prozent der Befragten geben im Dezember 2021 bzw. Januar 2022 an, dass der öffentliche Dienst in Sachen Digitalisierung hinterherhinkt. Dazu gehört auch der digitale Datenaustausch zwischen Behörden, der viel Papierkram und umständliche Arbeitsprozesse nicht nur für Mitarbeitende, sondern auch für die Bürger einfacher gestalten würde.

Bisher mangelt es an Nutzerfreundlichkeit, Entscheidungs- und Digitalkompetenzen in den deutschen Behörden. Gleiches gilt – abseits des öffentlichen Sektors – auch für Unternehmen, die von digitalen Dienstleistungen deutlich profitieren könnten. Gehemmt werden diese Entwicklungen durch eine tiefsitzende Sorge der Bundesrepublik gegenüber personenbezogener Daten sowie dem Wunsch nach deutlich restriktiverem Datenschutz. Das digitale Sicherheitsbedürfnis ist in Deutschland wesentlich höher als im europaweiten Durchschnitt.

Digitalisierung Deutschland | TechMinds

Digitale Infrastruktur mit Nachholbedarf

Auch die digitale Infrastruktur lässt streckenweise zu wünschen übrig. Die leitungsgebundenen Gigabit-Netze offenbaren das Ausmaß des Angebotsproblems – andererseits mangelt es auch an der Nachfrage, die aus hohen Preisen, fehlenden digitalen Angeboten und dem allgemein niedrigen Digitalisierungsgrad resultiert.

Defizite und Nachholbedarf gibt es hinsichtlich der Digitalisierung in Deutschland reichlich – und sollte nach Meinung vieler Forscher von offizieller Seite in Angriff genommen werden. Doch wie genau positioniert sich die Politik in Sachen ‚Digitalisierung Deutschland‘? Was sollte – und kann – die Politik unternehmen?

Politische Handlungsfelder: Digitalisierung in Deutschland als Chefsache?

Die digitale Rückständigkeit der Bundesrepublik hat vielfältige Ursachen – eine davon ist unter anderem die politische Enthaltung, wenn es sich um das Thema Digitalisierung dreht. Digitalisierung stand bei bisherigen Bundesregierungen vor 2021 kaum auf der Agenda, was während der Corona-Pandemie deutliche Schatten aufwarf – guter Wille war zwar vorhanden, aber die überkomplexen föderalen Strukturen lähmten sämtliche Digitalisierungsbestreben. Beispielsweise sollten bis Ende 2022 575 Verwaltungsleistungen digital angeboten werden – aktuell ist das für lediglich 16 Leistungen möglich, das Ziel also kaum mehr zu erreichen. Kein Wunder, dass die Mehrheit der Bevölkerung kaum mehr Vertrauen in die Digitalkompetenz der Politik hat. Das bisherige digitale Schneckentempo beeinflusste so auch das Programm der neuen Regierungskoalition. Was kann also die neue Bundesregierung unter Olaf Scholz am Stand der Digitalisierung in Deutschland ändern?

Wichtig ist allem voran, die gesellschaftliche Debatte zur Förderung des Potenzials digitaler, innovativer Geschäftsmodelle zum Umgang mit Daten und den Folgen zu etablieren. Es dürfen nicht immer nur Risiken und Ängste, sondern auch Chancen prominent hervorgehoben werden. Zudem muss die Gründungsmentalität der Deutschen gestärkt werden, um die Innovationskraft nachhaltig zu konsolidieren. Ohne digitale Innovationen wird auch die digitale Transformation weiterhin nur zögerlich voranschreiten. Um Gründungen zu erleichtern, sollten die Rahmenbedingungen seitens der Politik deutlich verbessert werden: Start-ups müssen von weniger Bürokratie und Regulierungen profitieren können und besseren Zugang zu Venture Capital (‚Risikokapital‘) haben.

Digitale Förderung in Schulen & Ausbau des 5G-Netzes – Deutschland hinkt im EU-Vergleich

Auch der Ausbau der digitalen Kompetenzen sollte auf der Agenda der Bundesregierung stehen. Wenn bereits in Schulen digitaler Nachwuchs erzogen wird, digitale Weiterbildungen vom Staat gefördert werden und auch die öffentliche Verwaltung auf ‚digital‘ umstellt, hat dies allgemein positive Auswirkungen auf die Digitalisierung. Ebenso ist es an der Politik, die digitale Infrastruktur weiter auszubauen: Egal ob Gigabit-Netze oder 5G – Deutschland hinkt immer noch hinterher. Zwar sind bereits 100 Prozent der 5G-Frequenzen vergeben – der tatsächliche Ausbau steckt aber in den Kinderschuhen. Ähnlich sieht es bei Internetanschlüssen mit mindestens 100 Mbit/s aus: Hier bleibt die Bundesrepublik im europaweiten Vergleich weit zurück.

Aufgabe der Politik ist zudem die Etablierung eines digitalen Verwaltungsangebots, das das Potenzial innovationsorientierter Offerten besser nutzt. Hierfür müssen vor allem auch einzelne Entscheidungskompetenzen im föderalen System weiter gestärkt werden. Digitale Schnittstellen müssen künftig allen Verwaltungsebenen zur Verfügung stehen. Verwaltungswissenschaftler Gerhard Hammerschmid sieht die Zuständigkeit für die Digitalisierung Deutschlands ganz klar im Kanzleramt: Umgesetzt werden solle die digitale Transformation durch „schlagkräftige, personell gut ausgestattete Digitalisierungsagenturen“, die als Inhouse-Niederlassungen der Bundesregierung Strategien produktiv umsetzen könnten.

Hoffnungsschimmer: Deutschland vorne im Quantencomputing und der KI

Trotz aller digitaler Rückständigkeit und Digitalisierung im Schneckentempo glänzt Deutschland dennoch in einigen Bereichen und zeigt gute Ansätze, um endlich voll durchzustarten: allem voran im Quantencomputing, dem autonomen Fahren sowie der künstlichen Intelligenz.

Positiv ist außerdem zu vermerken, dass die Wirtschaft 2021 bereits durchgängig digitaler war als 2020 – der Digitalisierungsindex stieg von 100 auf 108 Punkte. Digitale Vorreiter sind laut Index vor allem große Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten: Sie verzeichnen deutliche Zuwächse und erreichen einen Indexwert von 205,2 – teilweise mehr als doppelt so hoch wie der der kleinen Unternehmen. In der Branchenauswertung hat der IKT-Bereich die Nase vorn und glänzt mit 273,5 Indexpunkten – das sind 86 Punkte Vorsprung auf den zweitplatzierten Fahrzeugbau. Zudem kann beobachtet werden, dass die Bundeslandgruppe Süd – Baden-Württemberg und Bayern – deutlich digitaler ist, als andere Regionen.

Zuwachs Digitalisierung | TechMinds

Fazit: Wie steht es um die Digitalisierung in Deutschland?

Die umfassende Betrachtung des Stands der Digitalisierung in Deutschland offenbart ein ambivalentes Bild: Einerseits sind Regierung und Bürger gewillt, die digitale Transformation in allen Bereichen des Lebens voranzutreiben – andererseits hinkt die Bundesrepublik im europaweiten und internationalen Vergleich noch immer weit hinterher. Das belegt die seit 2018 durchgeführte Forsa-Studie der FDP-Fraktion: Zwar wollen 86 Prozent der Befragten Online-Dienstleistungen künftig nutzen. Das große Aber dabei: Die Mehrheit zweifelt nachhaltig daran, dass der digitale Aufbruch der Bundesrepublik zeitnah funktioniert. Zwei Drittel der Bundesbürger glauben, dass es erst in zehn bis zwanzig Jahren möglich sein wird, Verwaltungsangelegenheiten tatsächlich online zu erledigen. Kein besonders optimistisches Fazit und ein Ausdruck der, wie Gerhard Hammerschmied formuliert, „mütenden“ Deutschen: Digitale Rückständigkeit hinterlässt die Bürger müde und wütend.

Auch wenn einzelne Bereiche wie das Quantencomputing, das autonome Fahren oder die künstliche Intelligenz bereits als digitale Vorreiter in Deutschland gelten, gibt es dennoch an vielen Ecken und Enden enormen Nachholbedarf: Während andere Nationen bereits auf digitalen Datenaustausch setzen, sind die Deutschen noch immer unangefochtener Meister im Faxen. Digital-Projekte sind zudem oft schon im Voraus zum Scheitern verurteilt, da sie zu viele Mängel aufweisen, in vielen Unternehmen und Behörden die technische Ausrüstung fehlt und Pläne nicht zu Ende gedacht werden. Auch politische Auflagen bremsen die Digitalisierung in Deutschland immer weiter aus: Auslegungswirrwar durch unübersichtliche Datenschutzrichtlinien sowie steigender – und zu wenig bekämpfter – IT-Fachkräftemangel sind hierfür symptomatisch.

Um den deutschen Digitalisierungsgrad nachhaltig zu verbessern, braucht es eine konsistente Digitalisierungsstrategie, die auch von der Privatwirtschaft abhängig ist: Ohne wirtschaftliche Freiheit entstehen weniger digitale Start-ups und digitale Innovationen. Zudem müssen IT-Fachkräfte aus dem Ausland rekrutiert und einheimische Kräfte von der Schule an ausgebildet werden. Nur so kann Deutschland digital international aufschließen und den Weg aus dem Analog-Modus hin zu einer sinnvollen Digitalisierung finden.

Florenz Klasen | TechMinds Personalberatung Team

AUTOR DES BEITRAGS

Florenz Klasen, Wirtsch.-Ing. (Managing Partner)

Der gebürtige Hamburger, Florenz Klasen, studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Hamburg und Birmingham. Zunächst arbeitete Herr Klasen im internationalen Tech-Konzern NXP und als IT-Unternehmer in einem App-Startup, wo er Teams zum Erfolg führte. LinkedIn-Profil >  | Interview mit Florenz Klasen >

Herr Klasen ist bei TechMinds seit 2018 primärer Ansprechpartner für Ihre Personalsuche, ob Personalvermittlung von Führungskräften für IT & Tech oder die Fachkräftevermittlung. TechMinds ist die Tech & IT Personalvermittlung und spezialisierter Tech & IT Headhunter mit Boutique-Charakter.

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